Neidischer Vergleich
erzähl mir die geliebte geschichte,
sag mir auf das alte lügenmärchen
in der es geht um springende wichte
in dem es geht um lachende pärchen
in ihren augen, kein platz für tränen,
aus zaubertinte scheint ihr lebenslauf
wie sie sich glückesblind ewig wähnen,
setzt man mir stumm und feucht muskete auf
ich vermisse die gute, alte zeit
von der du mir schillernd hast berichtet
ist sie denn wirklich schon so tot und weit?
ist sie ohne wiederkehr vernichtet?
gen horizont seh ichs leise blitzen,
jäher lichtschlag trennt gedanken vom hut,
wilde rosen mir die haut zerschlitzen
altes märchen, getauft mit frischem blut
Johannes Braun
Schein
am abend schließ ich sehnsuchtsvoll die lider
stürze mich in eine heile, alte welt,
wo man weich und wohlgeschützt zu boden fällt
auf tiefstes, ruhigstes kissen sink ich nieder
hier gibt es keinen herbst, kein siechendes laub
hier hört man alte vögel schöner singen
hier hört man echten bach nach wasser klingen
er ist echt, denn er ist blind und er ist taub
doch es bleibt mir stets nur kurzes domizil
und wenn zuletzt der besiegte wieder siegt
und zu früh gekränzter sieger unten liegt
kehrt der tod zurück in mich aus dem exil
ich werd den morgen niemals wieder sehen,
nur weil uhrenzeiger ich zurückgedreht
auf flehenden lippen ein letztes gebet
dann holen sie mich sehnsuchtsvoll, die krähen
Johannes Braun
Spaziergang der Erinnerungen
ich gehe durch die straßen, altbekannt,
nehm gierig in mich auf die ruhe
seit je her erinnerung genannt,
befreit aus morscher, alter truhe,
in die seit grauer zeit verbannt
auf altem wandeln neue schuhe.
nichts stört hier den friedensgang
frieden oder tod, was macht das schon?
ins schwarze zerrt mich stiller drang
doch die stille ist jetzt hohn
und das kind, es hängt am strang
für was, solch fruchtbar lohn?
für was, solch grausam schal?
sein gesicht ist blass und ausgezehrt,
die vormals hoffnungsblauen augen fahl
sein blick der fragen, der mit leid genährt
lässt mir keine echte wahl,
sein leben hat so kurz gewährt
ich hole es herab, bette es auf heimatlaub
weine, traure, bete und derlei
es war kein tod, nur plumper raub
ungehört vergeht der letzte, stumme schrei
der krähenrest zerfällt zu staub
...und die kindheit war vorbei
Johannes Braun
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